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Grenzgänger - Aus der DDR in den Westen

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Man sieht das Hauptmenü des Spiels mit der Protagonistin der ersten Episode Assel und den Menüpunkten.

Mit Grenzgänger – Aus der DDR in den Westen hat das Studio Playing History gemeinsam mit dem Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen ein Serious Game geschaffen, das ein zentrales Kapitel deutscher Zeitgeschichte auf eindrückliche Weise erfahrbar macht. 

Das kostenlose Point-and-Click-Adventure erzählt in drei eigenständigen Episoden die Geschichten von Assel, Micha und Hanna – drei Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen den Entschluss fassen, die DDR zu verlassen. Assel ist eine aufmüpfige Punkerin aus Jena, die sich den Regeln des Systems widersetzt und von Freiheit träumt. Micha will sich dem Wehrdienst entziehen und lieber studieren. Hanna wiederum sucht für ihre chronisch kranke Tochter Peggy im Westen medizinische Hilfe und eine neue Perspektive. Die Spieler*innen schlüpfen abwechselnd in die Rolle dieser drei Figuren und treffen Entscheidungen, die über Widerstand, Flucht und Neuanfang bestimmen. Besonders bemerkenswert ist, wie Grenzgänger die Unplanbarkeit einer Flucht spielmechanisch abbildet: Jede Figur besitzt einen Stresslevel, der durch Entscheidungen, Gegenstände und Zufallsereignisse beeinflusst wird – und der wiederum den Ausgang eben dieser Zufallsereignisse mitbestimmt. So entsteht ein Wechselspiel aus Planung und Kontrollverlust, das die reale Ungewissheit einer Ausreise aus der DDR spürbar macht. Diese enge Verzahnung von Erzählung und Spielmechanik macht den besonderen didaktischen Wert des Spiels aus, denn sie vermittelt historische Erfahrung nicht bloß als Wissen, sondern als emotional nachvollziehbares Erleben. Auch gestalterisch geht das Spiel bewusst eigene Wege: Statt auf triste Grautöne setzt Grenzgänger auf eine kräftige, farbenfrohe Bildsprache, die daran erinnert, dass der Alltag in der DDR trotz Mauer und Bespitzelung auch von Gemeinschaft und Zusammenhalt geprägt war. Untermalt wird die Atmosphäre von Musik der DDR-Punkband „Rosa Beton", die ihre in den frühen 1980er-Jahren entstandenen Songs eigens neu eingespielt hat und dem Spiel damit eine authentische, aufrührerische Klangkulisse verleiht. 

Es wurde als Teil des digitalen Angebots des Projekts "Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Giessen" des Bundeslands Hessen für den Einsatz in Bildungskontexten entwickelt und richtet sich an Jugendliche ab 14 Jahren. Es steht kostenlos direkt im Browser oder über Steam zur Verfügung. Im Rahmen des Projekts wurde zudem pädagogisches Begleitmaterial entwickelt, welches fachliche Hintergründe und Materialien für den Einsatz im eigenen Unterricht bietet.

  • Point&Click
  • Browserspiel
  • Serious Game
  • Spielzeit pro Episode: ca. 40min
  • Gesamtspieldauer: ca 120min
€ 1-10€
€€ 11-25€
€€€ über 25 Euro
kostenlos
1-2 Spieler*innen pro Gerät

Bilder und Videos zum Spiel

Man sieht die Nachbarin Hannah und ihre Tochter vor der Ausreisebehörde stehen.
Man sieht eine nächtliche Häuserfront der Stadt Jena in der damaligen DDR.
Man sieht Micha, einen der Protagonisten, wie er zu Hause auf seinem Bett sitzt und über die Flucht in den Westen nachdenkt.
Man sieht Micha im Gespräch mit einem Sicherheitspolizisten auf offener Straße. Der Polizist befragt Micha und macht sich dabei Notizen.t.
Klassenstufen
Klasse 7/8/9
Klasse 10
Klasse 11/12
Vorschlag zum pädagogischen Einsatz

Serious Games wie Grenzgänger entfalten ihren pädagogischen Wert selten nur in einem einzigen Fach – ihre erzählerische und mechanische Dichte macht sie anschlussfähig für ganz unterschiedliche Unterrichtskontexte.

Im Geschichtsunterricht fördert Grenzgänger vor allem die historische Urteils- und Methodenkompetenz: Schüler*innen lernen, Fluchtmotive der DDR-Bevölkerung nicht als abstrakte Fakten sondern als individuelle und widersprüchliche Erfahrungen zu begreifen. Sie lernen, die Handlungsspielräume historischer Akteure unter den Bedingungen von Überwachung und Repression nachzuvollziehen. Das Spiel punktet dabei besonders mit seiner grundlegenden Multiperspektivität: Durch die drei Episoden mit Assel, Micha und Hanna erleben die Lernenden, dass es „die eine" Fluchtgeschichte nicht gab, sondern eine Vielzahl individueller Beweggründe – Rebellion, Wehrdienstverweigerung, Sorge um ein krankes Kind. 

Für den Gemeinschaftskundeunterricht eignet sich Grenzgänger, um Kompetenzen im Bereich politischer Urteilsbildung und für die Analyse politischer Systeme zu stärken. Die Schüler*innen setzen sich damit auseinander, wie ein autoritäres System durch Überwachung, Konformitätsdruck und eingeschränkte Freiheitsrechte den Alltag und die Lebensentwürfe von Menschen prägt – ein Thema mit unmittelbarer Relevanz für aktuelle Debatten über Demokratie, Freiheit und Diversität. 

Im Ethik- oder Religionsunterricht steht die moralische Urteilsbildung im Vordergrund. Grenzgänger fordert die Lernenden dazu heraus, Entscheidungen unter Unsicherheit und moralischem Druck zu treffen und deren Konsequenzen für sich selbst und andere abzuwägen – etwa die Frage, ob Michas Abschiedsbrief seine Familie gefährdet, oder ob Hanna das Risiko eingehen soll, Fremden zu vertrauen. Da die Spielenden die Konsequenzen ihrer Entscheidungen unmittelbar miterleben, wird abstrakte Moralphilosophie so zu einer konkret erfahrbaren Abwägung von Loyalität, Risiko und Verantwortung. 

Auch im Musik- oder Kunstunterricht bietet das Spiel Anknüpfungspunkte. Die bewusst kräftige, warme Farbgestaltung des Spiels im Kontrast zum grauen Klischeebild der DDR sowie der Einsatz der Musik der Punkband „Rosa Beton" laden beispielsweise zur Untersuchung der Gestaltungsmittel ein um zu beleuchten, wie diese historische Atmosphäre und emotionale Wirkung erzeugen. Die Schüler*innen werden sensibilisiert für die Wirkung von Gestaltungsmöglichkeiten und die Gründe für Gestaltungsentscheidungen von historischen Darstellungen: So könnte z.B. reflektiert werden, weshalb sich das Entwicklerteam gegen ein trist-graues Setting entschied oder welche Wirkung Punkmusik als Ausdruck von Aufbegehren und Hoffnung entfaltet.

Die Stärke von Grenzgänger liegt gerade darin, dass es sich nicht auf ein einzelnes Fach beschränken lässt. Ein fächerübergreifendes Projekt – etwa im Rahmen eines Projekttags oder einer Kooperation zwischen Geschichte, Gemeinschaftskunde und Ethik – könnte die verschiedenen Zugänge miteinander verbinden und den Lernenden ein besonders vielschichtiges Verständnis von Flucht, Freiheit und individueller Entscheidung in der DDR vermitteln.

Verfügbarkeit